Damit der Abschied nicht sprachlos macht

Pforzheimer Zeitung vom 29. November 2013

Veranstaltung der ambulanten Hospizdienste im PZ-Forum bewegt.
Lesung, Chorgesang und Diskussion befassen sich mit dem Sterben.

p2829111301_0206543Kein Mensch denkt gern über den Tod nach. Dass Sie heute Abend hier sind, zeigt, dass Sie es trotzdem tun“, begrüßt PZ-Redakteurin Sabine Simon am Mittwoch die zahlreichen Gäste im PZ-Forum. Den Menschen Mut zu machen, über das Sterben zu sprechen und sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, ist das Ziel der Veranstalter, der Hospizdienste für Erwachsene in Pforzheim und dem Enzkreis sowie des Kinder- und Jugendhospizdienstes „Sterneninsel“.

Stille legt sich über den Zuschauerraum, als der Chor „Voices in Motion“ aus Königsbach-Stein unter der Leitung von Juna Tcherevatskaia die ersten Töne anstimmt. Dann betritt die Pforzheimer Schauspielerin Gisela Storck die Bühne. Sie rückt sich die Lesebrille zurecht, um „Das Buch vom Abschied“ vorzustellen. Darin hat Eduard Maass von der Balinger Hospizgruppe Kurzgeschichten von Prominenten zusammengefasst, die sich mit dem Sterben beschäftigen. „Ich habe beim Lesen viel geweint, aber auch gelacht. Ich habe Kraft bekommen und Mut – und vor allem habe ich viel, viel Leben bekommen“, richtet Storck das Wort an den Herausgeber, bevor sie mit ausdrucksvoller Stimme zu lesen beginnt.

Erinnerungen geteilt

Im Zuschauerraum ist es ruhig. Kein Tuscheln, kein Stühlerücken, kein Laut durchbricht die andächtige Stille, als sich Heinrich von Kleist fragt, warum er so fröhlich ist, während Norbert Blüm am Sterbebett seines Vaters wacht und der Arzt Dietrich Niethammer überlegt, wie die richtige Antwort lautet, als ein todkrankes Kind ihn fragt, ob Sterben eigentlich wehtut. Auch nicht, als Sänger Rolf Zuckowski sich an den letzten Kuss seiner Mutter erinnert. Und doch ist immer wieder Raum für gedämpftes Lachen, das trotz des Themas so gar nicht unpassend wirkt.

Es sind ruhige Klänge, mit denen der Chor zwischen den einzelnen Texten den Raum erfüllt. Lieder, die bewegen, die einen erst einmal tief durchatmen lassen. Und spätestens als das „Hallelujah“ von Leonhard Cohen erklingt, wird in den Zuschauerreihen so manche Träne aus dem Augenwinkel geblinzelt.

Warum das Sterben, der Tod, die Menschen oft sprachlos mache, fragt Sabine Simon in die Runde. Auf der Bühne haben sich Maass, Angelika Miko vom Kinder- und Jugendhospizdienst „Sterneninsel“, Teresia Kraft vom ambulanten Hospizdienst Pforzheim und Eckehardt Luhm, ein betroffener Vater, versammelt. „Weil es ein Tabu-Thema ist“, sagt Luhm, dessen Tochter Viktoria noch vor ihrem zweiten Geburtstag starb. „Manchmal sind auch Gefühle im Vordergrund, denen Worte einfach nicht gerecht werden“, ergänzt Kraft. „Man kann sich aber auch ohne Worte mitteilen.“

Das gelte auch für Kinder, die noch zu jung seien oder aufgrund einer Behinderung nicht sprechen könnten, so Miko. „Und man versteht sie trotzdem. Kinder sind oft unsere Lehrmeister“, fügt sie hinzu. Manchen von ihnen sei es beispielsweise wichtig, ihre eigene Beerdigung zu planen. Was sie anziehen wollen. Welche Lieder gespielt werden. Die Sprachlosigkeit sei eher Thema bei den Eltern, als bei den betroffenen Kindern selbst. Berührt von den Erzählungen melden sich auch Zuschauer zu Wort. Erzählen davon, wie sie Sterbende begleitet haben und vom Gefühl, selbst dem Tod gegenüberzustehen. Aus der Sprachlosigkeit ist ein Gespräch geworden.