Mit kranken Kindern fühlen

Pforzheimer Zeitung vom 10. Februar 2010

Ambulanter Kinderhospizdienst „Sterneninsel“:
14 Ehrenamtliche haben Ausbildung begonnen – Einsatzbereit im August

tmpWenn es um die Rollenverteilung in der folgenden Fabel geht, kann man Angelika Miko leicht zuordnen: Eine kranke Häsin wird von allen Tieren des Waldes besucht und erhält Genesungswünsche wie „Kopf hoch“ und „wird schon werden“. Die Ameisen jedoch grüßen kaum, räumen stattdessen die Küche auf, versorgen die Kinder und kochen für die Familie. „Wir sind da“, sagt Angelika Miko vom ersten ambulanten Kinderhospizdienst „Sterneninsel“ in Pforzheim und dem Enzkreis und ist damit die erste Wahl für die Rolle der hilfsbereiten Ameise.

Zur Seite stehen

Ihr Team vom Hospizdienst will Familien – also den Betroffenen, den Eltern und Geschwistern – mit einem todkranken Kind zur Seite stehen. Sie sind für all jene da, die an einer so genannten lebensbegrenzenden Krankheit leiden, also Kinder, die nicht mehr gesund werden. Die Initiative ging von Kinderkrankenschwester Angelika Miko und ihrer Kollegin Marion Hönerlage aus. Die rein aus Spenden finanzierte Gruppe erhielt ihre Anschubfinanzierung unter anderem von der PZ-Stiftung „Menschen in Not“. Zwölf Frauen und zwei Männer meldeten sich im Oktober: Der Hospizdienst suchte nämlich noch Leute, die sich für die nicht ganz einfach Aufgabe ausbilden lassen wollten. „Über 6o kamen zu unseren Infoabenden“, sagt Angelika Miko. Manche schieden wegen eines Vollzeitberufs aus oder weil sie den Anforderungen wohl nicht gewachsen gewesen wären. Die ausgewählten 14 absolvieren bis August bei den beiden Kinderkrankenschwestern 120 Unterrichtseinheiten, die sich mit Themen wie Zuhören und Beistehen beschäftigen. „Wir fungieren nicht als Hauswirtschafterinnen, backen aber auch mal Kekse mit den Kindern oder räumen zusammen mit den Eltern die Spülmaschine aus. Wir hören zu und geben nicht zu allem unseren Senf dazu“, beschreibt Angelika Miko zwei Beispiele. Deshalb lernen die Teilnehmer im Unterricht psychologische Strategien, Meditationsübungen und mithilfe von Rollenspielen entsprechende Situationen zu meistern.

Wie die Ameisen in der Fabel wollen sie da anpacken, wo ihre Hilfe am meisten gebraucht wird. „In Familien mit einem schwer kranken Kind gibt es kein anderes Thema mehr. Freunde, Nachbarn, Angehörige können das oft nicht verstehen und wenden sich ab“, weiß Angelika Miko. Doch genau für diese Situation der Familien haben die Hospizdienstler Verständnis. Einer von ihnen ist Thomas Witwer, Zwillingsbruder des ehemaligen Ersten Pforzheimer Bürgermeisters Matthias Witwer: Er hat bereits viele Menschen begleitet. Eltern, Bruder und anderen Menschen stand er in den letzten Stunden ihres Lebens bei. „Ich habe die nötige Distanz und dennoch Nähe zu Menschen, um das, glaube ich, ganz gut zu meistern“, sagt er. Deshalb habe er sich sofort aufgrund des PZ-Artikels im vergangenen Oktober gemeldet.

Anders als bei Erwachsenen

Alle sind sich einig, dass man von kranken Kindern viel über das Leben lernen könne: Es sei eine ganz andere Erfahrung, als Erwachsene zu begleiten, sagt Angelika Miko. Die Arbeit gebe einem selbst viel.

Wenn der ambulante Hospizdienst im August seine Arbeit vollständig aufnimmt und Familien mit todkranken Kindern zur Seite steht, nutzt die „Sterneninsel“ die Strukturen des Trägervereins Hospizdienst Westlicher Enzkreis. „Wir hören zu, wir sind Stütze, wir sind einfach da für diejenigen, die uns brauchen“, sagt Angelika Miko. Wer hätte gedacht, dass Ameisen so menschlich sind? In jeder Fabel steckt eben doch so einiges aus dem wahren Leben.