Papa schickt den Regenbogen

Pforzheimer Zeitung vom 31. Oktober 2015

Sandra Lamberger-Glaser hat ihren Mann verloren – und ihre Kinder den Vater.
Eine Trauerbegleiterin der Sterneninsel begleitete sie durch die schwere Zeit.

Heute kann Sandra Lamberger-Glaser gemeinsam mit ihren Kindern Marie und Paul wieder lachen. FOTO: SEIBEL
Heute kann Sandra Lamberger-Glaser gemeinsam mit ihren Kindern Marie und Paul
wieder lachen. FOTO: SEIBEL

Mit rosa Kreide hat Marie die fünf Worte in den Hof geschrieben: „Bei uns ist es toll.“ Fünf-, sechsmal steht der Spruch da, in großen, kindlich-gemalten Buchstaben. In kleinen Schritten dribbelt Paul, ihr kleiner Bruder, über die so verschönerten Pflastersteine. Sein Bayern-Trikot schlabbert auf Höhe seiner Oberschenkel hin und her, da stolpert der Fünfjährige zwei, drei Meter nach vorne. Marie lacht. Und Paul lacht nach kurzem Zögern auch. Es ist eine Szene, die eine Normalität ausstrahlt, wie man sie jeder Familie wünscht. Und es ist eine Normalität, die Mama Sandra strahlen lässt. Denn vor eineinhalb Jahren starb Andi – ihr Mann und der Papa der beiden kleinen Kinder.

Seit 2003 hatte er gegen einen Gehirntumor angekämpft, bis das Leiden vor zwei Jahren immer schlimmer wurde. „Wenn er nicht gerade halluzinierte, sprach er nicht mehr“, erinnert sich Sandra Lamberger-Glaser. Vier-, fünfmal pro Tag musste ein Pfleger kommen, der Patient nahm kaum noch etwas wahr. Und die Kinder – damals drei und sechs Jahre alt – trauten sich kaum mehr ins Wohnzimmer, wo das Krankenbett des Vaters stand. „Trotzdem war es kein leichter Weg, ihn ins Hospiz zu bringen“, blickt die Frau zurück. Doch nach dem ersten Besuch im christlichen Hospiz in der Nordstadt und dem folgenden, ersten Telefonat mit Mylène Krink-Zorn, der Trauerbegleiterin des ambulanten Kinderhospizdienstes Sterneninsel, habe sie gewusst: „Das ist der richtige Weg.“

„Mit Mylènes Hilfe wurde selbst die Beerdigung für uns alle zu einer Erfahrung, die neben aller Traurigkeit auch immer schöne Erinnerungen wachrufen wird.“

Sandra Lamberger-Glaser über Mylène Krink-Zorn, die Trauerbegleiterin der „Sterneninsel“

Unheilbare Krankheit

Ihr Gefühl trog nicht: Zum einen sprach ihr Mann wieder, aß häufiger, machte mit den Kindern Musik – „und spielte sogar mit Paul Fußball, so gut es eben noch ging“, sagt Lamberger-Glaser. Zum anderen fiel von ihr der Ballast der 24-Stunden-Betreuung ab. „Gerade für die Kinder war das eine unfassbar wertvolle Zeit“, sagt sie – und ergänzt: „Mit diesen acht Wochen haben wir alle ein Riesen-Geschenk bekommen.“ Denn was man bei Schilderung der Glücksmomente fast vergessen konnte – ihr Mann war unheilbar krank.

Lamberger-Glaser wusste, dass sie dies den Kindern sagen musste. „Für sie bedeutet eine schwere Krankheit nicht, dass Papa auch stirbt“, erklärt Krink-Zorn. „Daher war es wichtig, es ihnen zu sagen. So wussten sie auch, dass die verbleibende Zeit kostbar ist.“ Aber wann? Und vor allem: Wie? „Das war der erste große Berg, über den mir Mylène geholfen hat“, sagt die Witwe. Mithilfe eines speziell dafür geschaffenen Würfel-Spielzeugs erklärte die Trauerbegleiterin ihnen, wie die Bestrahlung bei der Krebs Therapie funktioniert, weshalb Papa es bisher immer geschafft hat – „und weshalb er es jetzt nicht mehr schaffen kann“. Und die Kinder? Reagierten sachlicher als erwartet – und erklärten anschließend stolz ihrer Mama, was sie gelernt hatten. „Durch die gesamte Phase sind sie reifer geworden“, hat Krink-Zorn beobachtet. „Sie haben eine höhere Sozialkompetenz als andere Kinder in dem Alter.“ Kein Wunder: „Sie mussten sich ja auch mit einem Thema auseinandersetzen, mit dem Kinder sonst zum Glück nichts zu tun haben“, sagt deren Mutter. Dem Tod.

Als dieser kam, als Andi starb, waren seine Frau, seine Geschwister und seine Eltern bei ihm. Den Kindern sagte Sandra Lamberger- Glaser es am nächsten Morgen. „Wobei ich gar nicht viel sprechen musste. Ich habe eine graue Kerze angezündet, da wussten sie schon, was es bedeutet.“ Noch heute steht diese halb heruntergebrannt auf dem Fenstersims. Und daneben, noch etwas kürzer, zwei weitere Kerzen: eine in Blau, eine in Grün. Sie gehören Marie und Paul.

Fragen hatten die beiden trotz – oder wegen – der offenen Kommunikation sehr viele. „Am häufigsten wollen die Kinder wissen, wo Papa jetzt ist“, berichtet Krink-Zorn. Fragen, die sie bei der Beerdigung nicht nur Paul und Marie, sondern auch knapp zehn anderen Kindern beantwortete. „Wir wollten keine schwere, niedergeschlagene Bestattung, blickt Lamberger-Glaser zurück. „So schwarz der Tag an sich auch ist, sollten die Kinder sich doch an die schönen Momente des Abschiednehmens erinnern.“ Deswegen habe sie die Freunde gebeten, deren Kinder zur Beerdigung mitzunehmen. „Das war nicht selbstverständlich und hat zum Teil auch Überwindung gekostet“, weiß die Witwe. „Ich bin dafür sehr, sehr dankbar.“ Denn besonders Marie war es wichtig gewesen, den Abschied schön zu gestalten. Das Mädchen half, die Aussegnungshalle zu schmücken, den Sarg verzierte sie mit bunten Handabdrücken. Als schließlich ein Regenbogen auf dem Boden reflektierte, war sie glücklich: „Papa gefällt es jetzt.“

Marie durfte den Sarg ihres Papas mit Handabdrücken verzieren. FOTO: PRIVAT
Marie durfte den Sarg ihres Papas mit Handabdrücken verzieren. FOTO: PRIVAT

Wertvolle Trauergruppe

Eines aber kann – und soll – keine noch so schöne Erinnerung verhindern: die Trauerphase. Ein dreiviertel Jahr lang besuchten Paul und Marie die Trauergruppen der Sterneninsel, wo sie Schiffe und Wasserburgen bauten, filzten und musizierten – aber auch über ihren Verlust sprachen. Dies können sie – und auch ihre Mama – heute noch in den offenen Treffs: „Die finden für Kinder genauso wie für Erwachsene statt“, erklärt Lamberger- Glaser – jedoch getrennt voneinander. „So können auch wir Eltern unsere Gedanken loswerden und wissen zugleich, dass die Kinder gut aufgehoben sind. Die Erinnerung an den Vater und Ehemann hält die Familie aber auch zu Hause wach: „Paul und Marie sprechen viel von ihm“, sagt deren Mama – oft dann, wenn sie am wenigsten damit rechne: Zum Beispiel, wenn sie begründen, warum sie das Mittagsgericht nicht essen wollen: „Papa hat das auch nicht gemocht.“

SIMON WALTER | ENZKREIS