Wunsch nach einem Spielplatz für alle

Pforzheimer Zeitung vom 03. Juni 2015

In Pforzheim soll eine Initiative für integrativen Spielplatz entstehen.
Barrierefreie Geräte für behinderte und nichtbehinderte Kinder.

Rosalba Cavallo hat einen Traum. Sie träumt davon, dass Jungen und Mädchen mit ihrem Rollstuhl schaukeln und rutschen können. Dass behinderte Kinder Sand und Wasser und Freude fühlen und mit nicht- behinderten Kindern zusammen auf einem Karussell sitzen können. Und dass dieser Traum auch in Pforzheim Wirklichkeit wird. Für einen solchen „Spielplatz für alle“ setzt sich die 30-Jährige ein.

Die kleine Valeria, die an einer Form von Muskelatrophie erkrankt ist, brachte ihre Mutter Rosalba Cavallo (Mitte) auf die Idee eines gemeinsamen Spielplatzes für behinder- te und nichtbehinderte Kinder. Unterstützung erfährt sie von Dorothea Grüne (links) und Angelika Miko vom Kinder- und Jugendhospizdienst „Sterneninsel“. FOTO: SEIBEL
Die kleine Valeria, die an einer Form von Muskelatrophie erkrankt ist, brachte ihre Mutter Rosalba Cavallo (Mitte) auf die Idee eines gemeinsamen Spielplatzes für behinder- te und nichtbehinderte Kinder. Unterstützung erfährt sie von Dorothea Grüne (links) und Angelika Miko vom Kinder- und Jugendhospizdienst „Sterneninsel“. FOTO: SEIBEL

Lebensqualität und Freude

Die Idee dazu kam Cavallo bei ei nem Spaziergang mit ihrer Tochter Valeria. Wie gerne wäre sie mit der Zweijährigen auch auf einen Spielplatz gegangen und gerutscht. „Aber das ging nicht, da habe ich so geweint“, erzählt sie. Denn Valeria leidet unter Spinaler Muskelatrophie (SMA), kann sich nicht aus eigener Kraft bewegen und muss rund um die Uhr betreut werden. Aufgrund der starken körperlichen Einschränkung kann ihre Familie mit ihr keinen normalen Spielplatz besuchen. „Dabei gibt das einem Kind so viel Freude“, sagt die Pforzheimerin.

In Foren und im Fernsehen sah sie Beispiele von integrativen Spielplätzen in Italien: „Richtige Spielparadiese sind das“, sagt die junge Mutter. Behinderte Kinder können dort mit ihrem Rollstuhl in Spielhäuschen oder Gondel- Schaukeln hineinfahren. Oder mit ihren Geschwistern Karussell fahren. „Ich habe es schon oft erlebt, dass Eltern traurig sind, weil das gesunde Kind spielen kann, und das andere sitzt im Rollstuhl. Es ist schön, wenn man auch behinderten Kindern Lebensqualität geben kann“, sagt Cavallo.


Integrative Spielplätze

Der „Tabaluga-Spielplatz“ im Frankfurt-Fechenheim entstand 1996 als erster integrativer Spielplatz dieser Art in Deutschland. Seitdem haben die Kinderhilfestiftung und das Grünflächenamt der Stadt Frankfurt drei große und zahlreiche kleinere integrative Spielplätze verwirklicht, auf denen kranke und gesunde Kinder gemeinsam spielen können. Integrative Spielplätze gibt es beispielsweise auch in Nürnberg oder Darmstadt. Hier wurde im Freizeitzentrum Steinbrücker Teich eine großzügige Spiellandschaft geschaffen. Der integrative Ansatz ermöglicht gemeinsame Erfahrungen für Kinder mit und ohne Handicap. Dort gibt es einen Brunnen, mit dessen Wasser Rinnen geflutet, ein Wasserrad gedreht und ein mit Rollstuhl unterfahrbarer Wasserspieltisch nachhaltig betrieben werden kann. Zudem stehen ein Klettergerüst mit Behindertenrutsche, ein „Seebalkon“ sowie eine Liege-Schaukel für Kinder mit Haltungsproblemen und viele weitere Spiel- und Sitzmöglichkeiten zur Verfügung. Ein integrativer Spielplatz sollte auch Orientierungs- und Spielangebote für Kinder mit Hör- und Sehbeeinträchtigungen einschließen. pz

Fühlen und Tasten: Ein blinder Junge spielt mit nichtbehinderten Kindern auf einem integrativen Spielplatz in Frankfurt. FOTO: MATZERATH
Fühlen und Tasten: Ein blinder Junge spielt mit nichtbehinderten Kindern auf einem integrativen Spielplatz in Frankfurt. FOTO: MATZERATH

Aus diesem Grund wandte sie sich mit ihrer Idee eines integrativen Spielplatzes an die „Sterneninsel“. Seit Valeria ein halbes Jahr alt ist, unterstützt der ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst die Familie Cavallo, und Einsatzleiterin Angelika Miko war von Anfang an begeistert von der Idee. „Alle reden von Inklusion. Ein solcher Spielplatz hilft, Berührungsängste und Scheu abzubauen“, sagt Miko. Sie betont jedoch, dass es keine Initiative der Sterneninsel werden soll. Vielmehr wolle man Vermittler und Unterstützer sein.

So findet am Dienstag, 16. Juni, um 19 Uhr bei der Sterneninsel an der Wittelsbacher Straße 18 ein Treffen statt, aus dem eine Initiative für den „Spielplatz für alle“ hervorgehen soll. Dabei sollen ähnliche Projekte vorgestellt, mögliche Standorte und die Finanzierung besprochen werden. Auch Familien sollen ihre Wünsche äußern können.

Um das Projekt voranzubringen, wandten sich die Initiatoren auch an Sozialbürgermeisterin Monika Müller und Amtsleiterin Sabine Schuster vom Sozial- und Versorgungsamt des Enzkreises und stießen auf offene Ohren. „Ein Spielplatz für Kinder mit und ohne Behinderungen oder mit chronischen Erkrankungen ist eine großartige Möglichkeit der Begegnung im Alltag und ermöglicht ein gemeinsames Spielen mit- und nebeneinander“, sagt Müller. Sie könnte sich vorstellen, dies in Pforzheim mit der Aufstellung ergänzender Geräte an vorhandenen Spielplätzen umzusetzen, wenn diese barrierefrei sind. Vor allem innerstädtische Standorte betrachtet sie als sinnvoll. Die Geräte könnten ihr zufolge aus dem üblichen Spielplatzbudget zumindest mitfinanziert werden. „Sie sind zwar noch teurer als die üblichen Geräte, aber dafür tragen sie dazu bei, dass Kinder Spielplätze nutzen können, die bislang davon ausgeschlossen sind“, sagt sie. Zu- dem könnten Sponsoren an der Finanzierung beteiligt werden. Cavallo hofft, dass aus der Initiative etwas wird: „Ein Spielplatz für alle, an dem es an nichts mangelt.“

NICOLA ARNET | PFORZHEIM